Kapitel 7 · 6 Minuten Lesezeit
Ein bisschen mehr Zeit
Ben klingelte, obwohl er oft genug bei Tamsin gewesen war, um zu wissen, dass sie die Tür nachmittags nie abschloss.
Kit kam zuerst herein. Ihr Mantel stand offen, und sie hielt ganz vorsichtig eine Papiertüte. Sie hatte mir einen Keks mitgebracht. Er war im Auto zerbrochen, und sie wollte, dass ich wusste, dass er beim Kauf noch ganz gewesen war.
„Kaputte Kekse schmecken genauso“, sagte ich.
„Das hat Papa auch gesagt.“
Louise kniete sich hin, um ihr aus dem Mantel zu helfen. Ben sah zu. Am Kragen war sein Haar nass, als hätte er draußen im Regen gestanden, bevor er hereinkam.
„Warum sind alle hier?“, fragte er.
„Niemand wollte, dass du vor einem leeren Haus stehst“, sagte Tamsin.
Er sah sie scharf an, dann mich.
„Können wir reden?“
„Wir reden doch.“
„Ohne Publikum.“
Louise nahm Kit mit in die Küche, um heiße Schokolade zu machen. Tamsin blieb in der Tür stehen. Ben fragte sie nicht noch einmal.
Er setzte sich aufs Sofa und verschränkte die Hände zwischen den Knien. Ich kannte diese Haltung. So hatte er im Krankenhaus gesessen, als Mutter im Sterben lag, geduldig mit dem Personal, geduldig mit mir. Ich war dankbar gewesen, dass wenigstens einer von uns wusste, wie man sich benahm.
„Was hast du ihnen gegeben?“, fragte er.
„Alles, was ich gefunden habe.“
„Was genau?“
„Darüber musst du mit ihnen sprechen.“
„Anna, ich bin dein Bruder.“
„Ja.“
Er löste die Hände voneinander.
„Ich habe mein Leben damit verbracht, mich um diese Familie zu kümmern. Du bist weggegangen. Ich sage nicht, dass du es nicht hättest tun sollen. Aber du bist gegangen. Ich habe Papa zu seinen Terminen gefahren. Ich habe bei Mama gesessen. Als ihre Heizung kaputtging, wer hat bezahlt? Und als du Geld gebraucht hast, um das Geschäft zu gründen—“
„Das habe ich dir zurückgezahlt.“
„Darum geht es nicht.“
„Worum dann?“
„Dass du mich kennst.“
Ich sah ihn an. Ich wusste, wie er Kits Toast machte: Butter bis an den Rand, diagonal durchgeschnitten, die Kruste dran, weil er meinte, sie brauche etwas zum Festhalten. Ich wusste, dass er ohne erkennbare Melodie pfiff, wenn er sich konzentrierte. Dass er am Ende eines Films über einen Hund weinte und es abstritt, obwohl ihm beide Wangen nass waren.
Ich kannte ihn. Das war ein Teil des Problems.
„Mama hat geschrieben, Papa hätte alles geregelt“, sagte ich.
„Hat er auch.“
„Sie hat geschrieben, du hättest getan, was dir gesagt wurde.“
„Ja.“
„Aber du warst an dem Abend da. Du hast mir gesagt, du hättest Evie zurückkommen sehen.“
„Ich kam und ging.“
„Wann?“
„Das weiß ich nicht mehr genau.“
„Gestern wusstest du es noch ziemlich genau.“
Er stand auf und setzte sich wieder. In der Küche fragte Kit, ob sie ihr Getränk selbst umrühren dürfe.
„Das ist kein Spiel“, sagte er.
„Nein.“
„Was passiert ist, war ein Unfall. Was Papa danach auch getan hat, es war ein Unfall.“
„Hast du es gesehen?“
Sein Blick wanderte zur Küche.
„Du musst mir zuhören.“
„Das tue ich.“
„Nein. Richtig zuhören. Du hast Mamas Brief gelesen. Sie wusste es. Sie hat es verstanden.“
„Was hat sie verstanden, Ben?“
Er rieb die Handflächen an der Hose.
„Ich war jung. Ich konnte nicht mit Geld umgehen. Es war außer Kontrolle geraten.“
„Der Kredit.“
„Sie hat gesagt, ich könnte ihre Daten benutzen.“
„Ihre Unterschrift war nachgemacht.“
„Sie wusste, dass ich Hilfe brauchte.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Jetzt sah er wütend aus. Nicht eigentlich auf mich. Auf das Gespräch, weil es nicht dort ankam, wohin er es immer wieder lenken wollte.
„Sie wollte es allen sagen. Mama. Meinem Chef. Sie hatte für Montag einen Termin gemacht, um mit jemandem darüber zu sprechen. Ich brauchte nur ein bisschen mehr Zeit.“
Tamsin trat von der Tür weg, gerade weit genug, um den Weg in den Flur freizulassen.
„Mehr Zeit wofür?“, fragte ich.
„Um das zu regeln.“
„Viertausendachthundert Pfund.“
„Das hätte ich geschafft.“
„Du hattest die Raten nicht bezahlt.“
„Weil einiges nicht geklappt hatte.“
Er sprach mit der Empörung seines dreiundzwanzigjährigen Ichs. Für einen Moment schienen die Jahre dazwischen nicht mehr zu wiegen als die besseren Kleider, die er jetzt trug.
„Ist sie gefallen?“, fragte ich.
Er hob den Kopf.
So direkt hatte ich es nicht fragen wollen. Aber jetzt war es gesagt.
„Sie hat nicht aufgehört“, sagte er.
„Womit hat sie nicht aufgehört?“
„Dinge zu sagen.“
In der Küche war es still geworden. Louise hörte zu.
„Was für Dinge?“
„Dass ich erbärmlich wäre. Dass alles, was ich anfasse, zum Problem anderer Leute wird. Sie hatte den Brief und hat die ganze Zeit damit herumgewedelt. Ich wollte ihn ihr wegnehmen.“
„Und dann?“
Er drückte eine Hand auf den Mund. Als er sie senkte, wurde seine Stimme leiser.
„Ich habe sie weggestoßen. Sie ist gegen den Rand des Beckens geschlagen. Das steinerne, im Waschhaus. Das wollte ich nicht. Anna, das wollte ich nicht.“
Es gab Einzelheiten, von denen ich erwartet hatte, dass sie dramatisch klängen, wenn sie endlich ausgesprochen wurden. Das taten sie nicht. Sie waren sachlich und entsetzlich. Ein Becken. Eine harte Kante. Ein Mensch, der nach etwas griff, das ihm gehörte.
„Hast du einen Krankenwagen gerufen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Warum nicht?“
„Sie hat noch gesprochen. Am Anfang. Mama sagte, wir sollten warten, bis Papa heimkommt. Sie wollte nicht noch eine Szene. Papa sagte, wir würden alle Ärger bekommen, wenn wir Leute anrufen, bevor wir wüssten, was passiert war.“
„Bevor du wusstest, was passiert war?“
„Du weißt doch, wie er war.“
„Ja.“
„Er sagte, sie müsse schlafen.“
„Und du hast auf ihn gehört.“
„Ich hatte mein Leben lang auf ihn gehört.“
„Sie auch.“
Dann fing er an zu weinen, ohne dass sich in seinem Gesicht viel bewegte. Auch das erkannte ich wieder. Unser Vater hatte keinen Lärm gemocht.
„Ich bin wieder reingegangen“, sagte er. „Später. Sie war nicht—“
Er brach ab.
„Papa sagte, er würde sich darum kümmern. Wenn wir jetzt noch anriefen, würden sie uns allen die Schuld geben, sagte er. Mama zitterte. Ich konnte nicht denken. Du warst nicht da.“
Die letzten vier Worte trafen mich genau so, wie er es beabsichtigt hatte.
Für einen Moment war ich siebzehn, kam zu spät nach Hause und hatte anderen die Probleme überlassen, denen ich entkommen war. Ich spürte, wie die alte Ordnung mich wieder aufnehmen wollte. Ich musste nur meinen Anteil an etwas akzeptieren, das ich nicht getan hatte, und er wäre mit seinem Anteil nicht mehr allein.
„Ich war nicht da“, sagte ich.
„Nein.“
„Und du warst es.“
Er starrte mich an.
In der Küche sagte Louise leise zu Kit: „Komm, wir schauen uns den Garten an.“
Ben wandte sich ihrer Stimme zu.
„Nimm sie nicht mit.“
„Wir gehen raus“, sagte Louise. „Sie kann dich später sehen.“
Er sah wieder zu mir. Jetzt hatte er Angst, und sie war nicht gespielt.
„Du erklärst es ihnen. Das mit Papa. Den Druck.“
„Ich sage ihnen, was ich weiß.“
„Was bringt das, Anna?“
Ich hörte Mutters Brief in seiner Stimme. Ihre Worte hatten ihre letzte Adresse gefunden.
„Evie war nicht etwas, das dir widerfahren ist“, sagte ich.
Die Türglocke läutete.