Kapitel 5 · 5 Minuten Lesezeit
Nicht aufgenommen
Tamsin brachte Mittagessen mit ins Haus und aß im Stehen.
„Nicht an diesem Tisch?“, fragte ich.
„Heute nicht.“
Sie reichte mir ein Sandwich in Butterbrotpapier. Käse und Pickles. Evie hatte immer gesagt, so etwas esse man, wenn man nicht mehr daran glaubte, dass Mittagessen schmecken konnte.
Ich erzählte es Tamsin, und sie lachte. Es überraschte uns beide.
„Ich hatte vergessen, dass sie witzig war“, sagte sie.
„Mir fällt immer nur ein, dass sie schwierig war.“
„Sie war neunzehn.“
„Ja.“
Ich aß das Sandwich.
Wir waren gekommen, um meine Ausrüstung zu holen und nach Evies gewöhnlichen Unterlagen zu suchen: Schulzeugnissen, Papieren von der Arbeit, Namen von Freunden. Shah hatte um alles gebeten, was die Wochen vor ihrem Verschwinden deutlicher machen konnte. Der Rest des Inventars konnte warten.
Mutter hatte die Unterlagen ihrer vermissten Tochter in einer Keksdose mit der Aufschrift WEIHNACHTSBAND abgelegt.
Ich holte sie aus dem Wäscheschrank und trug sie nach unten. Darin lagen Geburtstagskarten, die Bescheinigung über einen Rettungskurs und ein nie abgeschickter Passantrag. Ganz unten, unter einem Bogen Seidenpapier, lag ein gefalteter Brief von der Bank.
Er war an Evie adressiert. Ihr Name, unsere Hausnummer. Es ging um ausstehende Raten für einen Kredit über viertausendachthundert Pfund.
Jemand hatte mit roter Tinte darübergeschrieben:
B. muss das regeln. M. nicht einbeziehen.
Die Handschrift meines Vaters. B. für Ben. M. wahrscheinlich für Mutter. Nicht mit Sicherheit. Ich fotografierte den Brief, ohne etwas auf dem Bild zu vermerken.
In dem Brief steckte die Kopie eines Formulars. Die Unterschrift war eine recht gute Nachahmung von Evies. Nur zog Evie den Mittelstrich ihres großen E wie eine seitlich liegende Gabel. Dieses E stammte von jemandem, der ihre Unterschrift angesehen hatte, ohne das zu bemerken.
„Er hat ihren Namen benutzt“, sagte ich.
Tamsin zog einen Stuhl zurück, setzte sich aber nicht.
„Schick es weiter.“
Das tat ich.
Dann probierte ich den kleinen Schlüssel, den Mutter mir hinterlassen hatte.
Ich hatte ihn vom Revier wieder mitgenommen, nachdem Shah ihn fotografiert hatte. Wir hatten nicht gewusst, wozu er gehörte. Jetzt fiel mir die blaue Dokumentenkassette ein, die Mutter in der Wäschetruhe aufbewahrte. Darin lagen die Dinge, die sie wichtig nannte: die Unterlagen zum Haus, Versicherungspolicen, die Sterbeurkunde unseres Vaters. Sie hatte ein billiges kleines Schloss, das eher Kinder fernhalten sollte als Diebe.
Der Schlüssel ließ sich drehen.
Die Papiere waren mit Klammern zu Bündeln zusammengefasst. Darunter lag ein brauner Umschlag mit der Aufschrift Für Anna — allein lesen.
Ich reichte ihn Tamsin.
„Du musst nicht“, sagte sie.
„Ich weiß.“
Es war die erste Anweisung meiner Mutter, die ich missachtete, ohne im Kopf einen Streit darüber zu führen.
Tamsin öffnete den Umschlag und gab mir die Seiten zurück. Es waren drei, dicht beschrieben. Die Handschrift war aus der letzten Zeit; stellenweise liefen die Buchstaben ineinander.
Dein Vater sagte, man könne nichts mehr tun. Ich war nicht dabei, als es geschah. Als ich begriff, hatte er schon alles geregelt.
Ich las den ersten Absatz dreimal, bevor ich weiterlesen konnte.
Es war in der alten Montagegrube unter dem Waschhaus. Er hat die Abdeckung zubetonieren lassen. Ich habe diesen Teil des Hauses nie wieder betreten. Jetzt wirst du verstehen, warum du dein Fahrrad dort nicht abstellen durftest.
Ich stand auf. Der Stuhl blieb an der Teppichkante hängen und kippte nach hinten.
Tamsin war neben mir, bevor er auf dem Boden aufschlug.
„Setz dich.“
„Nein.“
„Gut. Dann halt dich an der Arbeitsplatte fest.“
Ich hielt mich an der Arbeitsplatte fest.
Der Brief ging in kleinerer Schrift weiter.
Benjamin tat, was ihm gesagt wurde. Du weißt, was für ein Mann dein Vater war. Er traf Entscheidungen, bevor jemand die Gelegenheit hatte, ihm zu widersprechen. Ben hat seither ein gutes Leben geführt. Er hat eine kleine Tochter. Ich sehe nicht, was es bringen soll, ihr den Vater zu nehmen.
Kein Satz sagte, dass Evie gestorben war. Mutter hatte beschrieben, wo ihre Tochter begraben lag, ohne sie zum Subjekt eines Verbs werden zu lassen.
Auf der letzten Seite:
Verwechsle eine einzige schreckliche Nacht nicht mit einem ganzen Leben.
Tamsin nahm mein Handy, weil meine Finger nicht taten, was ich wollte. Sie rief Shah an. Sie nannte noch einmal die Adresse, obwohl Shah sie schon hatte. Sie sagte, wir hätten das Waschhaus nicht betreten.
Als sie mir das Handy reichte, klang Shahs Stimme fest.
„Anna, ich möchte, dass Sie dort nichts anfassen. Wir kommen, um den Bereich zu sichern. Ist sonst noch jemand da?“
„Nur Tamsin.“
„Und wo ist Ihr Bruder?“
„Ich weiß es nicht.“
„Setzen Sie sich deswegen nicht mit ihm in Verbindung. Bleiben Sie zusammen.“
Ich stand in der Küche, bis die ersten Beamten kamen. Einer ging mit mir zur Tür, die zum Waschhaus führte. Ein paar Schritte davor blieb ich stehen.
Das Schloss war neu. Die grüne Farbe darum nicht.
All die Jahre hatte ich in anderen Frauen nach meiner Schwester gesucht. An Bahnhöfen. Auf einer Rolltreppe. Einmal an einem vollen Strand, wo ich meine Tasche zurückgelassen hatte, um einer Frau nachzulaufen, die so ging wie sie.
Hinter mir legte Tamsin eine Hand an meinen Rücken. Sie strich nicht darüber. Sie ließ die Hand einfach dort.