Kapitel 5 · 7 Minuten Lesezeit
Die Probebank
Am Montagmorgen stand eine Bank unter dem Kastanienbaum. Keine schöne neue Bank. Eine lange Turnbank mit einem blauen Streifen an der Seite und einem Fleck, wo früher ein Aufkleber war.
Herr Kees und Bram hatten sie aus der Turnhalle getragen. Vera durfte helfen, indem sie die Tür aufhielt. Das tat sie so wichtig wie möglich, bis Kees sie bat, auch die Matte aus dem Weg zu räumen.
„Die steht nur heute hier“, sagte Bram. „Zum Ausprobieren. Sie ist stabil, aber geturnt wird darauf nicht.“
Joep blickte auf den Baum. „Ich hatte gerade vor, über den Ast zu springen.“
„Gut, dass ich es erwähnt habe.“
Vera maß die Bank aus. Bram hielt das eine Ende des Maßbands. Sie schrieb die Länge auf. Dann noch einmal, weil sie die Ziffern vertauscht hatte. Bram zeigte auf den blauen Streifen.
„Die Farbe müsst ihr nicht mitbestellen.“
Vera dachte an blaue Kissen. Die würden gut zum grünen Gras und zum braunen Stamm passen. Ihre Oma hatte zu Hause zwei übrig. Bestimmt durfte Vera die haben. Neben die Maße schrieb sie KISSEN.
Bram ging in die Hocke. Genau dort, wo sie die Bank gezeichnet hatte, lag eine Wurzel.
„Hier kann kein Bankbein stehen. Und man muss vorbeigehen können. Ein Stück weiter weg vom Stamm wäre es besser.“
Vera verschob die Bank auf ihrer Zeichnung. Jetzt sah der Baum etwas schief aus. Draußen passte es aber: Von der Bank konnte man den Schulhof sehen und saß trotzdem nicht direkt neben dem Fußballplatz.
In der Pause kam die ganze Klasse. Safia teilte sie in Gruppen ein. Alle durften probesitzen. Danach sollten sie etwas nennen, das ihnen gefiel, und etwas, das besser sein könnte.
„Gut: Sie fährt nicht weg“, sagte Joep.
„Verbesserung?“, fragte Safia.
„Ein Lenkrad.“
Safia tippte mit ihrem Bleistift auf ihr Notizbuch. Joep rutschte hinüber, sodass Vera neben ihm sitzen konnte.
Vier Kinder passten auf die Bank. Ihre Taschen nicht. Ein Junge schob seine darunter. Sie versank zur Hälfte im nassen Gras.
Vera schrieb auf, dass die richtige Bank Platz für Taschen haben sollte. Ob Bram das einplanen konnte? Sie setzte noch ein Fragezeichen dazu.
Ein Mädchen saß mit dem Gesicht in die andere Richtung und mit den Füßen auf der anderen Seite.
„Jetzt kann ich mit Puk reden“, sagte sie.
Puk stand mit ihrer Gießkanne hinter der Bank. Ihre Suppe war mittlerweile so wässrig, dass sie fast echt aussah.
„Wenn es eine Rückenlehne gibt, kann man nicht so sitzen“, sagte Joep.
„Aber dein Buch wird nicht herunterfallen“, sagte Vera.
Das Mädchen legte sein Buch neben sich. Die Seiten flatterten um. Es hielt sie mit einer Hand fest.
„Ein Tisch wäre auch schön.“
Vera sah auf ihre Notizen. Mit Tisch, Dach und Platz für Taschen wäre es keine Bank mehr. Eher ein kleines Haus. Für hundertachtzig Euro konnte man kein Haus bauen. Vielleicht eine Tür, wenn man Glück hatte.
Joep las über ihre Schulter. „Schreib nicht alles auf. Sonst musst du das alles machen.“
„Ich schreibe auf, was die anderen sich wünschen.“
„Die wünschen sich viel.“
Das stimmte. Vera steckte ihren Bleistift für einen Moment in die Tasche.
Dann wollte Puk auf die Bank. Zuerst hob sie ein Bein. Der Fuß stieß an die Seite. Sie hob ihn höher, kam aber immer noch nicht bis zur Sitzfläche.
Eef kam aus der anderen Klasse. Sie nahm Puk die Gießkanne ab, damit sie beide Hände frei hatte. Puk zog sich am Rand hoch. Mit Eefs Hilfe schaffte sie es. Nun saß sie da, die Schuhspitzen gerade nach vorn, als wüsste nur sie, wie eine Bank funktionierte.
Vera saß neben ihr.
„Gut so?“, fragte sie.
Puk nickte.
„Möchtest du hier öfter sitzen?“
„Nein.“
Vera sah überrascht aus.
Puk zeigte auf den Sandkasten. „Meine Suppe ist fertig.“
Eef gab ihr die Gießkanne zurück und half ihr herunter. „Den großen Kinderspaten kann sie nicht halten“, sagte sie. „Der ist zu schwer. Und wir haben nur zwei kleine, die nicht kaputt sind.“
„Wir könnten eine niedrigere Bank bauen“, sagte Vera.
„Vielleicht. Aber mit dem Spaten käme sie trotzdem nicht zurecht.“
Vera sah zum Sandkasten. Zwei kleine Kinder knieten neben einer Schaufel. Eines grub. Das andere hatte schon die Hand ausgestreckt und wartete darauf, dran zu sein.
Eef zog ihre Liste aus der Jacke. Sie hatte nachgezählt, was noch da war. Drei Eimer. Zwei Spaten. Eine Harke ohne Stiel. Für ihr Plakat hatte sie ein Foto von der Schubkarre gefunden. Darunter stand der Preis.
Bei ihrem eigenen Plan hatte Vera vor allem an ihr Buch gedacht. Eef hatte die Sachen im Sandkasten gezählt.
„Eine Bank ist auch praktisch“, sagte Eef. „Meine Mutter würde sich gern hinsetzen, wenn sie uns abholt. Bloß verstehen die Kleinen nicht, warum das wichtiger sein soll als ihr Spaten.“
„Das habe ich nicht behauptet.“
„Nein. Aber du willst gewinnen.“
Vera sah zur Turnbank zurück. Dort saß Joep inzwischen allein. Die Beine streckte er so weit wie möglich aus, als könnten vier Kinder auch ein einziger Joep sein.
Am Sandkasten rief Puk, sie wolle auch einen Bürgermeister. Sie stellte einen umgedrehten Eimer auf einen Sandhaufen. Die anderen kleinen Kinder halfen. Unter der Hecke fanden sie eine kleine Kartoffel, die wohl aus einer Einkaufstasche gerollt war. Eef wischte sie sauber. Später zeichnete sie zu Hause die Kartoffel mit Gesicht und Hut.
„Für die gelbe Wahl“, sagte sie zu Safia. „Die soll auch antreten.“
Safia hängte das Kartoffelbild neben Miep. „Hat sie einen Namen?“
„Kartoffel“, sagte Puk.
Joep musterte den neuen Kandidaten. „Der da spricht auch nicht.“
„Aber sie hält still“, sagte Eef.
Vera nahm ihre Notizen mit nach Hause. Den Tisch strich sie durch. Das Fragezeichen neben den Taschen blieb. Unter die Bank schrieb sie jetzt klein: Hier dürfen alle sitzen. Dann rief sie wegen der Kissen ihre Oma an.