Kapitel 12 · 9 Minuten Lesezeit
Das Versprechen, das bleibt
Am Montag waren die Wimpel vom Schulhof verschwunden. An einem Pfosten hing noch ein kurzes Stück Seil. Unter der Kastanie lag eine nasse Keksverpackung, die beim Aufräumen niemand bemerkt hatte.
Vera hob sie auf. Joep stand schon am Schuppen. Sein Holzschild hing über der Jacke.
„Du bist gekommen“, sagte sie.
„Ich habe mir selbst die Erlaubnis gegeben.“
Er nahm das Schild ab, damit es nicht am Holz hängen blieb. Eef kam hinter ihm mit ihrer zusammengerollten Zeichnung. Sie legte sie neben die Tasche aufs Regal.
Bram zeigte ihnen, welche Bretter sie schleifen konnten. Er hatte sie zuerst überprüft und sich um die scharfen Kanten gekümmert. Kees blieb bei ihnen. Das Sägen und Befestigen übernahmen die Erwachsenen. Joep nahm sofort ein Stück Sandpapier. Vera strich mit der Hand über ein Brett.
„Nimm den Schleifklotz“, sagte Bram. „Den kannst du besser halten.“
Sie schliffen nebeneinander. Das Holz roch anders als der Schulschuppen. Eef zeigte auf eine dunkle Linie in ihrem Brett. Erst hielt sie sie für einen Splitter. Bram zeigte ihr, dass es die Maserung des Holzes war.
„Dann darf sie bleiben“, sagte Eef.
Joep schleifte so stark, dass sein Block von der Planke rutschte. Sein Ellbogen stieß gegen seinen Mantel. Das Schild klopfte auf den Tisch.
„Ich mache das nicht jeden Montag“, sagte er.
„Du musst nur eine Bank bauen“, sagte Vera zu ihm.
„Das sagst du jetzt.“
Eine halbe Stunde arbeiteten sie am Tisch. Dann tat Veras Arm weh. Sie legte den Schleifblock ab. Ihr Brett fühlte sich glatter an, sah aber fast genauso aus. In einer Ecke hatte sie etwas vergessen. Bram konnte genau erkennen, wo sie noch nicht gewesen war.
„Das machen wir später“, sagte er. „Du musst heute nicht alles fertig machen.“
Vera sah auf den Dienstplan für die Bücherkiste. Sie hatte sich für Montag und Donnerstag eingetragen. Eef übernahm Dienstag. Sam hatte seinen Namen bei Freitag hingeschrieben. Mittwoch war noch frei.
„Das kann ich am Mittwoch machen“, sagte Joep.
Vera blickte auf. „Du willst Bücher wegräumen?“
„Ich kann diese Kiste tragen. Aber nicht zwölf große, dicke Bücher.“
„Sechs dünne.“
„Mit Bildern?“
„Einige davon.“
Er nahm ihren Bleistift und schrieb seinen Namen in das leere Kästchen. Sein p war größer als die anderen Buchstaben. Für ein Ausrufezeichen war kein Platz. Vera fand das schade.
Am Freitag war die Bank fertig. Der Verein hatte sie gebaut und mit einem Schutzanstrich für draußen gestrichen. Der musste trocknen. Kees und Bram prüften den Stand, die Kanten und den Deckel. Nach der Schule trugen sie die Bank mit zwei anderen Erwachsenen hinaus.
Vera wollte bleiben, bis das letzte Stück Holz angebracht war. Ihre Mutter sagte, sie könne warten, solange sie ihr Fahrrad danach abschließe. Zweimal hatte sie es am Zaun stehen lassen, während der Schlüssel noch im Schloss steckte.
Die Bank kam an die Stelle, an der die Probebank gestanden hatte. Vier Kinder passten darauf. Unter der Sitzfläche war das Kissenfach. Eine Stütze hielt den leichten Deckel offen. Kees zeigte es erst Vera. Dann probierte sie es selbst.
„Nicht hineinklettern“, sagte er zu Puk. Sie war durch die Tür der Kleinen herausgekommen, um nachzusehen.
Puk löste ihren Fuß von der Kante. „Ich habe nachgesehen, ob es ein Haus ist.“
„Für die Kissen.“
Sie inspizierte den blauen Stapel. „Sie brauchen keine Fenster.“
Vera legte die Kissen auf die Bank. Ihre Oma kam vorbei. Sie strich über die ausgebesserte Ecke, jetzt hinten. Neben der Bank stellte Vera die Kiste mit Büchern ab. Zwei davon gehörten ihr. Zwei gehörten Eef. Die Schule hatte einen hinzugefügt.
Ein Buch über Knoten war auch dabei. Joep hatte es im Schuppen gefunden. Jemand vom Holzwerkverein hatte seinen Namen auf die erste Seite geschrieben. Joep hatte gefragt, ob sie es eine Weile ausleihen dürften.
„Falls ich vergesse, wie es geht“, sagte er.
Auf der anderen Seite des Schulhofs hing das geflickte Tornetz. Joep und sein Vater hatten es am Mittwoch repariert. Der erste Ball traf das Netz, als sein Vater noch danebenstand. Der Knoten hielt. Der Ball sprang gegen Joeps Schuh zurück. Joep schoss aufs Tor. Daneben.
„Das Netz ist in Ordnung“, hatte sein Vater gesagt.
Ein Knoten war schief. Den hatte Joep selbst gebunden. Vorerst wollte er ihn so lassen. Wenigstens konnte er sehen, welchen Teil der Arbeit er gemacht hatte.
Eef setzte sich auf die Bank und zog ihre Tasche auf den Schoß. Sie holte die Spatenzeichnung heraus. Hinten stand eine neue Rechnung. Nur die vier Spaten, die am dringendsten gebraucht wurden.
„Ich habe mit Safia gesprochen“, sagte sie. „Sie schaut nach, was die Schule noch hat. Vielleicht steht im Lager noch eine Kiste. Aber die Schubkarre und die Einfassung bekommen wir jetzt nicht.“
Vera sah auf die Zeichnung. „Willst du sie aufhängen?“
„Im Klassenzimmer. Damit ich es nicht vergesse.“
Sie faltete das Papier zusammen und nahm ein Buch aus der Kiste. Puk saß neben ihr. Sie hatte die Kartoffel zu Hause gelassen. Sie stand jetzt auf dem Fensterbrett der Küche, mit seinem Hut daneben.
Eef zeigte ihr ein Bild. Puk sagte, der Baum auf der Seite sehe ihrem Baum sehr ähnlich. Dann zeigte sie auf einen kleinen Vogel, der überhaupt nicht so aussah. Vera hörte einen Moment zu. Schließlich öffnete sie das Buch noch einmal mit dem vornehmen König.
Der König hatte immer noch Sand auf der Nase. Vera schüttelte die letzten Körner aus dem Falz zwischen den Seiten. Sie fielen auf den Weg.
Joep stand mit dem Ball vor ihr.
„Spielst du mit?“
Vera sah sich ihr Kapitel an. Noch drei Seiten übrig.
„In einer Minute.“
Joep blieb stehen. Vera sah wieder auf.
„Ich lese erst fertig. Dann komme ich.“
„Gut. Dann bist du bei mir.“
„Ich wähle mein eigenes Team.“
„Immer eine neue Wahl.“
Er ging zum Tor. Vera las ihre drei Seiten. Dann legte sie das Buch zurück und spielte mit. Beim ersten Versuch traf sie den Ball mit der Schuhseite. Beim zweiten kam er voran. Joep rief, sie gehöre zu seiner Mannschaft. Von der Bank rief Eef, er solle erst gleich große Mannschaften machen.
Am Ende des Nachmittags stand die Kiste immer noch neben der Bank. Vera war bereits an ihrem Fahrrad, als sie sie sah. Sie ließ den Lenker los und ging zurück.
„Es ist Freitag“, sagte sie.
Sams Vater hatte ihn abgeholt und direkt nach Hause gebracht. Vera stellte die Kiste auf die Bank. Sie war nicht schwer, aber die Griffe drückten sich in ihre Finger.
Kees kam, um den Schulhof aufzuräumen. Er hielt ihr die Tür auf. Drinnen stellte sie die Bücher aufs vereinbarte Regal. Sie schrieb Sam einen Zettel und legte ihn in sein Fach. Keinen bösen Zettel. Er musste nur wissen, wo sein Name auf dem Dienstplan stand.
Dann legte sie die Kissen weg. Eef half, den Deckel zu schließen. An der Stelle, an der Puk ihre Tasse hingestellt hatte, blieb ein kleiner nasser Ring zurück. Vera trocknete ihn mit dem Tuch aus dem Schuppen.
Als sie endlich zum Fahrrad ging, stand Miep am Zaun. Dort hing noch Sams Schild: EHRENBÜRGERMEISTERIN. KEINE SPRECHSTUNDEN. Eine Ecke war eingerollt.
Vera holte einen Apfel aus ihrer Tasche und biss selbst hinein. Bennie kam mit einer Gießkanne aus dem Garten. Vera zeigte auf das Schild.
„Muss sie wirklich nichts tun?“
„Sie muss eine Gans sein“, sagte Bennie. „Das reicht ihr.“
Vera sah Miep an. Die Gans steckte ihren Schnabel durch den Zaun. Sie blickte auf den Apfel, dann auf Veras Hand.
„Ich habe ganz ehrlich gewonnen“, sagte Vera.
Miep schnatterte kurz.
Vera biss noch einmal in den Apfel. Inzwischen wusste sie, dass diese Antwort alles Mögliche bedeuten konnte. Wahrscheinlich hieß sie vor allem: Apfel.
Sie radelte mit offenem Mantel nach Hause. Hinter ihr blieb die Bank unter dem Kastanienbaum. Morgen würde bestimmt wieder jemand dort sitzen. Vielleicht mit einem Buch, vielleicht ohne. Sie musste nicht selbst daneben bleiben, damit das passierte.
Ende

