Kapitel 8 von 120%

Kapitel 8 · 7 Minuten Lesezeit

Die Truhe, die niemand will

Puks Mutter hatte eine Truhe. Die wollte sie nicht mehr im Flur haben. Puk fand, sie wäre ein Haus für ihre Kartoffel. Dafür war die Truhe allerdings viel zu groß.

Als Puks Mutter Vera von ihrem Leseplatz erzählen hörte, bot sie ihr die Truhe an.

„Du kannst sie haben. Früher lag Bettzeug darin. Jetzt sind noch zwei Kartons mit Büchern für den Flohmarkt drin.“

Vera fragte, ob sie draußen stehen könne.

„Die stand jahrelang auf dem Dachboden. Ganz trocken.“

Das klang vielversprechend. Sicherlich könnte eine Truhe, die jahrelang trocken bleibt, Platz für ein paar Kissen und Bücher bieten.

Am Donnerstag brachte Puks Mutter die Truhe auf einer Sackkarre zur Schule. Herr Kees half, sie neben den Schuppen zu stellen. Sie war fast so lang wie die Probebank. Der Deckel war aus dickem Holz. An der Seite ragte ein Metallgriff heraus.

Vera hob den Rand des Deckels an. Er bewegte sich kaum.

„Warte“, sagte Kees.

Kees hielt den Deckel für sie auf. Das Scharnier knarrte. Drinnen standen zwei Kartons. Puk streckte die Nase über den Rand, spähte in die dunkle Ecke und sagte, da wohne jemand.

„Eine Spinne“, sagte ihre Mutter.

Puk nickte. „Darf sie bleiben?“

Mit einem Stück Pappe brachte Kees die Spinne zur Hecke. Dann stellte er die Kartons auf einen Tisch unter dem Vordach. Vera nahm die obersten Bücher heraus.

Zwölf Bände eines alten Lexikons. Alle dick und braun. Auf den Buchrücken standen goldene Buchstaben. Vom A war über die Jahre ein Stück abgerieben. Vera fuhr mit dem Finger darüber. Es sah nach einem wichtigen Buch aus.

Sie schlug es auf. Eine Karte zeigte Länder, von denen sie noch nie gehört hatte. Eine Seite weiter war ein Computer abgebildet, fast so groß wie ihr Klassenzimmer. Sie sah vorn nach dem Datum. Es war älter als ihre Mutter.

„Es gibt viel zu lesen“, sagte Eef und kam, um nachzuschauen.

Vera klemmte das Buch unter den Arm. Es passte gerade so. Mit dem anderen Arm musste sie es festhalten.

„Wenn du starke Arme hast“, sagte Eef.

Puk schlug einen anderen Band auf. Sie betrachtete die winzige Schrift, zeigte auf ein Schwarzweißfoto von einem Vogel und klappte das Buch wieder zu.

„Meine Kartoffel kann nicht lesen.“

Sie stellte eine Kiste auf die Seite und kletterte hinein. Ihre Mutter hob sie ruhig wieder heraus.

Vera legte das schwere Buch zurück. In der zweiten Kiste lagen Gartenzeitschriften und zwei Rätselhefte, in denen schon alle Antworten standen. Eine war falsch. Jemand hatte mit einem anderen Stift einen Pfeil daneben gezeichnet. Für einen Moment wollte Vera wissen, wer recht hatte.

Aber solche Bücher hatte Vera sich nicht neben ihrer Bank vorgestellt. Sie wollte welche, die man in der Pause nehmen konnte. Geschichten mit Bildern. Bücher zum Selberaussuchen. Keinen Stapel, den erst ein Erwachsener heben musste.

„Ich habe Bücher zu Hause“, sagte Eef. „Wenn du gewinnst, gebe ich dir zwei. Bloß nass werden dürfen sie nicht.“

„Sie können in die Truhe gehen.“

Vera ging zur riesigen Holzkiste zurück. Ohne die Bücher wirkte sie noch größer. Sie stellte sich daneben und zog das Maßband heraus. Der Griff war genau auf Hüfthöhe. Nicht gut für jemanden, der an der Bank vorbeirannte.

Bram kam aus dem Schulschuppen. Er hatte Bretter für ihren Plan geprüft. Als er die Truhe sah, ging er um sie herum und untersuchte den Boden.

„Hier ist ein alter Riss.“

„Können wir das reparieren?“, fragte Vera.

„Ja. Aber wir müssten auch das Holz außen behandeln. Eigentlich gehört die Truhe ins Haus. Und dieser schwere Deckel darf nicht auf kleine Finger fallen. Dafür bräuchten wir andere Scharniere oder eine sichere Stütze.“

Vera blickte auf die Truhe, die auf dem Dachboden trocken geblieben war. Puks Mutter seufzte.

„Ich habe nicht an Regen gedacht“, sagte sie. „Auf dem Dachboden regnet es nur, wenn etwas sehr schief gelaufen ist.“

„Ich auch nicht“, sagte Vera.

Bram ließ den Deckel langsam herunter. Die ganze Truhe machte einen dumpfen Schlag.

„Und wo würdest du sie hinstellen?“, fragte er.

Vera zeigte unter die Kastanie. Erst neben die Bank. Dann dahinter. Dann zeigte sie gar nicht mehr. Die Truhe stand überall im Weg. Sie hatten um die Probebank nicht umsonst Platz zum Vorbeigehen gelassen.

„Es kostet nichts“, sagte sie.

„Sie mitzunehmen nicht“, sagte Bram. „Sie für diesen Platz herzurichten schon. Geld, Arbeit und Platz.“

Vera rollte das Maßband ein. Es schlug mit einem scharfen Klick gegen das Gehäuse. Sie hatte gehofft, die Truhe würde ihren Plan einfacher machen. Jetzt brauchte sie einen zweiten Plan. Einen Plan für die Truhe.

Puk legte ihre Hände auf den Deckel. „Die Spinne hat ein anderes Haus.“

„Ja“, sagte ihre Mutter.

„Kann die Truhe auch ein anderes Haus haben?“

Ihre Mutter sah Kees an. Er blickte auf den Schuppen.

„Für die großen Theaterrequisiten könnten wir so etwas brauchen“, sagte er. „Die holen die Kinder nicht selbst heraus. Wenn die Truhe hier hineinpasst, würde ich sie dafür behalten. Falls ihr sie nicht doch noch für die Bank braucht.“

Vera sah noch einmal zur Kastanie. Die Truhe wurde nicht kleiner, bloß weil sie sich das wünschte. Und Bram konnte aus einem Lexikon keine leichten Bücher sägen.

„Es wäre besser für das Theater“, sagte sie.

Kees und Puks Mutter brachten die Truhe hinein. Die Lexikonbände kamen zum Erwachsenenstand beim Flohmarkt. Puk nahm einen leeren Karton. Schließlich hatte sie eine eigene Kandidatin, um die sie sich kümmern musste.

Vera blieb mit Bram am Tisch. Er legte drei alte Bretter nebeneinander. Sie stammten von einer Werkbank, die der Verein ersetzt hatte. Wenn sie geprüft und geschliffen waren, würden sie für eine Bank reichen.

„Unter der Bank könnten wir ein Fach machen“, sagte Bram. „Für die Kissen. Mit einem leichten Deckel und einer Stütze, die ihn offen hält. Für die Bücher würde ich eine einfache Kiste nehmen. Die kommt jeden Nachmittag hinein.“

„Wer bringt sie rein?“, fragte Vera.

Bram sah sie an. Einen Moment lang sagte er nichts.

Vera zog ihre Notizen hervor. Unten schrieb sie: NICHT VERGESSEN: NACH DER SCHULE. In ihrem Plan stand ein neuer Satz. Kein fröhlicher Spruch für ein Plakat. Aber einer, den sie am Samstag erklären musste.

Kapitel

Die Gans, die Bürgermeisterin wurde

  1. 01Alle dürfen mitmachen7 Minuten
  2. 02Eine Kandidatin ohne Taschen6 Minuten
  3. 03Ein Plakat für die falsche Kandidatin7 Minuten
  4. 04Was ist, wenn es regnet?7 Minuten
  5. 05Die Probebank7 Minuten
  6. 06Ein Versprechen, das nicht aufgehen kann6 Minuten
  7. 07Gänse geben keine Interviews7 Minuten
  8. 08Die Truhe, die niemand willDu liest gerade7 Minuten
  9. 09Neu gerechnet8 Minuten
  10. 10Die Rede fliegt davon9 Minuten
  11. 11Zwei Farben Papier8 Minuten
  12. 12Das Versprechen, das bleibt9 Minuten

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